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Der Lichtweg

"Via Lucis" – in Großhöflein im Burgenland wurde ein "Lichtweg" eröffnet, der als Gegenbild zum Kreuzweg verstanden werden will.
Geschrieben von Norbert Leser


Der Lichtweg, mit Erklärung zu den 14 Stationen im PDF-Format...

Die übernatürliche Wirklichkeit des Ewigen, das zugleich eine Person und ein Reich ist, ist dem Gläubigen allein durch Zeichen und Bilder zugänglich, die häufig eine trinitarische Struktur haben. Nicht nur die christliche Theologie ist fest in der Natur des dreifaltigen Gottes verankert, auch andere geistige Gebilde zeichnen sich durch eine Dreifaltigkeit aus. So ist etwa in der Geschichte, die zugleich Profan- und Heilsgeschichte ist, nach der Philosophie Hegels ein "Dreitaktschritt" wirksam, die Philosophie selbst lebt und wirkt in der Dreiheit von These, Antithese und Synthese. Auch die Kunst als eine Manifestation des Göttlichen offenbart sich in drei Sphären: in der Musik, der Literatur und der bildenden Kunst, die ihrerseits von trinitarischen Strukturen durchzogen ist. Geistige Sphären berühren einander immer wieder in dreifacher Weise und legen auf diese Art Zeugnis ab für die übergreifende Natur der geistigen Welten.

Selbst Karl Popper, der Vater des "kritischen Rationalismus", hat uns eine (übrigens schon beim österreichischen Philosophen Bernhard Bolzano im 19. Jahrhundert präformierte) Dreiweltenlehre als Zugang zum Verständnis der Wirklichkeit dargelegt: Neben der Welt der Natur gibt es die Bereiche der menschlichen Gedanken, aus denen sich die durch eben diese Gedanken geformten Werke, wie die der Kunst, ergeben, welche alle drei zusammen erst das ausmachen, was wir Wirklichkeit nennen. Dass es sich bei all diesen Dreiteilungen nicht nur um abstrakte Schemata handelt, sondern um Seinserscheinungen, die uns immer wieder aufs Neue begegnen und in ihrer Fülle überraschen, wird durch praktische Beispiele und Spielarten ständig offenbar. Es zeigt sich, dass die Welt des Geistes, der Phantasie und der Inspiration unerschöpflich ist und immer wieder neue Blüten treibt. Eine solche, einem Jahrtausend alten Fundus entstammende Neuschöpfung ist die Entdeckung und Gestaltwerdung des Lichtweges, der via lucis , die 1988 ihren Anfang genommen hat.

In diesem Jahre hat der Salesianerpater Salino Palumbieri, der zugleich Philosophieprofessor an einer kirchlichen Hochschule in Rom war, als Ergänzung und Fortsetzung des in der christlichen Tradition beheimateten Kreuzweges Christi mit seinen vierzehn Stationen einen, ebenfalls aus vierzehn Stationen bestehenden, Lichtweg geschaffen, der in künstlerischer Ausgestaltung die heilsgeschichtlichen Ereignisse von der Auferstehung Christi bis zur Aussendung des Heiligen Geistes am Pfingstfest darstellt. Pater Palumbieri hat als Träger für diese neue Kultform die charismatische Bewegung "Testimoni del Resorto", die "Zeugen des Auferstandenen" gegründet, die sich rasch über mehrere Länder verbreitet hat. Philosophie, Theologie und bildende Kunst haben in dieser neuen Darstellungsform einen zur Nachahmung einladenden Niederschlag gefunden.

Auch in Österreich hat dieser Lichtweg, der nach Einbruch der Dunkelheit durch die Beleuchtung mit Kerzen ein Lichterweg wird, bereits an einigen Orten Gestalt angenommen, etwa in der Gemeinde Hagenbrunn, die mit einem "My way" genannten Exemplar dieser Gattung aufwarten kann. Die schönste und größte Anlage dieser in Österreich bisher nur durch wenige Beispiele illustrierten religiös-künstlerischen Neuschöpfung befindet sich in der burgenländischen Gemeinde Großhöflein. Hier ist die salesianische Idee der Präsentation des Heilsweges auf fruchtbaren Boden gefallen.

Um den Gedanken der Einbettung eines solchen Lichtweges in eine blühende, von Blumen aller Art geschmückte Natur zu verwirklichen, bedurfte es des Zusammenwirkens dreier Personen, bzw. Personenkreise: eines geistigen Mentors in der Person von Prälat Hans Haider, der Familie Unger, die sich dieser Idee angenommen und Sponsoren aufgetrieben hat, und des Künstlers Konrad Schneider, der schon früher in seinem Beruf als Lehrer in der burgenländischen Gemeinde Deutsch Jahrndorf um künstlerische Belange bemüht war und eine Kindergalerie ins Leben rief, um zu demonstrieren, dass in jedem Menschen künstlerische und religiöse Impulse vorhanden sind, die der Erweckung und Pflege bedürfen. Dieser Lichtweg, der über die Gemeinde hinaus attraktiv und bereits zu einem Anziehungspunkt für Pilger und Touristen geworden ist, wurde in siebenjähriger Arbeit fertig gestellt und vor kurzem eingeweiht.

Überragt wird diese über 300 Meter sich erstreckende Anlage durch ein erhöhtes, großes Kreuz, das die Brücke zum Hauptsymbol des Christentums schlägt und in flammender Beleuchtung weithin sichtbar ist. Die vierzehn Stationen reichen von der Auferstehung Christi über die Erscheinungen des Auferstandenen und die Sendung der Apostel in alle Welt bis zur Ausgießung des Heiligen Geistes. Auch für diese Abrundung der Heilsgeschichte hat der Philosoph Hegel einen tiefen Gedanken bereitgestellt. Er hat nämlich, abweichend von der liturgischen Rangordnung durch die christlichen Kirchen, das Pfingstfest als das höchste Fest der Christenheit bezeichnet, und zwar mit der Begründung, dass ohne die Herabkunft des Geistes am Pfingstfest alles, was vorher geschehen, dem Vergehen und Vergessen anheim gefallen wäre; dass also erst der Geist jenen bleibenden Zusammenhang hergestellt habe, der trotz aller Rückläufigkeiten den Bestand der christlichen Botschaft durch die Zeiten trägt.
Norbert Leser, geboren 1933, lebt als emeritierter Professor für Sozialphilosophie in Wien.